Über das Leben

Eine kleine Geschichte über den Abschied und Neuanfang

1997 ein sonniger aber nicht so warmer Frühlingstag.

Ein Junge im Alter von 10 Jahren steht in einem Innenhof. Die Gefühlslage des Jungen ist schwer einzuschätzen.
Er dachte darüber nach, was er in diesem Augenblick tun kann, um vor dem Teufel zu fliehen. Natürlich hat der Junge nicht den Teufel in realer Gestalt gesehen. Nein, sein Vater ist für ihn die Manifestation des Teufels.
So stand er einfach nur da, mit übel riechenden Hosen, Schuhe mit denen er schon eine ganze Weile gelaufen war und welche nach Mist rochen.

Eine Stunde ist mittlerweile vergangen, als sein Vater – ein von Alkohol gezeichneter Mann – sich von Ihm für den heutigen Tag verabschiedete. Sein Vater saß in diesem Moment auf einer alten Zündap. Ein sehr altes Moped, an dem ein selbst gebauter Hänger hing. Auf dem Hintersitz der kleinen Maschine saß die kleine Schwester des Jungen. Ein Mädchen, das nicht viel von der Welt mitbekam, da sie mit einer geistigen Behinderung leben musste. Diesen Moment wird der Junge nicht mehr vergessen.

Der Blick mit dem sein Vater in ansah. Ein Blick, der dem Jungen einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Es waren dunkle Augen, ja fast rabenschwarze Augen, in denen Hass, Trauer und Schmerz zugleich zu sehen war.
Der Abschied war alles andere als liebevoll. Nein, es war ein kalter und gefühlloser Abschied.
Der Vater des Jungen startete sein Moped und fuhr, ohne ein einziges Wort, mit einem lauten Knattern vom Hof.

Einige Minuten schaute der Junge seinen Vater hinterher, ohne zu wissen, dass dies das letzte Mal für lange Zeit sein wird, an dem er seinen Vater persönlich sehen wird.
Nun stand der Junge vor der Scheune des Stalls, in dem unzählige Hasen und Hühner lebten und atmete tief ein. Er wird in diesem Moment die schwerste Entscheidung seines bisher kurzen Lebens treffen.

Er schaut sich noch einmal um.
Die Scheune mit dunklem Holz verkleidet, das Haus mit weißer Fassade und einer selbst gebauten Überdachung zur Werkstatt seines Vaters. Das unnötige Zeug, welches im Hof einfach nur so herum lag, ungenützt und schon teilweise verwittert. Mit weichen Knien schloss er für einen kurzen Augenblick seine Augen und atmete tief ein. Nach dem er seine Augen wieder geöffnet hatte, begann er zu laufen. Erst mit mäßigem Schritt, dann immer schneller bis er rannte. Er rannte mit gesenktem Blick, ohne nachzudenken weg von der Scheune, weg von seinem Haus und von seinem Vater. Innerlich zerrüttet, fast zerbrochen unter der Last und dem Schmerz welcher durch seinen Vater ihm aufgebürdet wurde.

Nach dem er keine Puste mehr hatte, wurde er immer langsamer, bis sein Schritt zu einem leichten schlendern wurde. Er blickte wieder auf und stellte fest, dass er bis zur Haltestation der S-Bahn grannt war. Er wusste nicht wohin er gehen sollte und setzte sich einfach in die nächste einfahrende S-Bahn in Richtung der Stadt, wo die Freiheit auf ihn wartete. Frei von Schmerz und Leid. Innerlich Abschied genommen, ohne eigentlich zu wissen, welche Konsequenzen dies mit sich bringen wird.

Einige Jahre später.
Der Junge ist nun erwachsen und führt ein Leben, welches er sich immer gewünscht hatte. Als er eines Tages zurück auf diesen einen Tag blickte, an dem er einfach gegangen war, der Tag an dem er eine Entscheidung traf, welche sein Leben grundlegend veränderte, wurde ihm bewusst, dass der Abschied eine Möglichkeit war, ganz von vorne anzufangen. Ihm wurde klar, dass er dadurch begann zu leben.

Vermutlich würde der Junge aus der Geschichte heute nicht das Leben führen, wenn er sich damals nicht von seinem alten Leben verabschiedet hätte. Vielleicht würde man dann bei einem Blick in seine Augen die gleichen Ängste, den Hass und die Verzweiflung wie bei seinem Vater sehen.
Dies wird niemand jemals erfahren, denn der Junge hat sich dafür entschieden, zu gehen.

Warum ist Abschied nehmen häufig so schwer?

Wir Menschen sind in erster Linie geistig so eingestellt, den für uns einfachsten Weg zu gehen. Wir führen häufig ein Leben, über das wir uns nicht selten beschweren. Sei es das Leben in einer Partnerschaft, die schon seit geraumer Zeit nicht mehr funktioniert oder ein Beruf, welcher zu Beginn vermeintlich der Richtige war, er sich aber immer mehr als schlechte Wahl offenbart. Egal in was für einem Teufelskreis man sich befindet, in erster Linie entscheidet man sich dafür, genau das Leben weiter zu führen, welches man eigentlich ändern möchte.

Der Grund dafür ist simpel: man hat Angst davor, aus seinem gewohnten Umfeld auszureisen. Vielleicht hat man Angst, alleine zu sein oder Angst davor, keinen passenden Beruf zu finden. Die Gründe können so vielseitig sein und sind von Mensch zu Mensch grundsätzlich unterschiedlich. Sicher ist, dass es schwieriger ist, sein Leben zu verändern, als einfach so weiter zu machen wie bisher.

Geht es Dir genauso? Befindest Du Dich in einer ähnlichen Lage? Du weißt, dass das Leben, welches Du gerade führst, nicht das ist, was Du führen möchtest?
Dann wage den Absprung, nimm Abschied. Beim Abschied nehmen geht es nicht darum, wann Du Abschied nimmst, sondern dass Du es tust. Je nach dem, in welcher Lage Du Dich befindest, kann es durchaus eine Weile dauern, bis die Entscheidung Dein Leben verändert. Ich weiß, dass man eine Beziehung, die viele Jahre besteht, nicht von heute auf morgen einfach so beenden kann. Genauso wenig wie man einen Job von heute auf morgen beenden kann.
Wichtig ist, dass Du erkennst, dass Dein aktuell geführtes Leben Dich nicht glücklich macht. Dann beginnst Du ganz sicher, Dein Leben Schritt für Schritt zu verändern.
Du darfst Dich von nichts und niemanden davon abhalten lassen, Dein Leben zu führen.

Abschied nehmen, in welcher Form auch immer, ist für jeden Menschen wichtig und gehört zum Leben dazu. Es kann schmerzhaft sein, doch „Abschied“ sorgt dafür, dass Dein Leben besser wird.

Achtung, wenn Du die Entscheidung triffst, „Abschied“ zu nehmen, kann Dir die Veränderung womöglich noch gefallen.

Folgendes möchte ich Dir noch mit auf den Weg geben: versuche Dich immer im Guten von Personen zu trennen. Denn eines ist sicher, irgendwann wirst Du dieser Person zufällig über den Weg laufen.

Denke daran, DU KANNST

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